Galerie Kai Hoelzner
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Marcus Weber

2. Juni bis 21. Juli 2012

 


„G–Park (Görli)“, 2011, Öl auf Nessel, 200 x 145 cm

 

„O–Platz 14.11“, 2011, Öl auf Nessel, 140 x 240 cm

 

„N–Platz (Gelbe Nachtigall)“, 2011, Öl auf Leinwand, 60 x 50 cm

 

„O/X“, Acryl und Papier auf Wand, 230 x 680 cm, 2012

 

Die Soap der Wirklichkeit im Haus der Malerei: Auf den Bildern wird dann logischerweise auch mal
in ein Handy hineintelefoniert oder auf einem iPhone herum gewischt, während Typen wie Du und
ich radeln oder grillen oder ihre Nase in Kunstzeitschriften stecken, die von Typen wie dir und mir
eben so gelesen werden.

Abgesehen davon, dass die Bilder also hoffnungsvoll unromantisch und in einem absolut gute Laune
verbreitendem Maße realistisch sind, etwa, wenn Mädchen mit Kopftüchern auf Parkbänken sitzen
und die Mülleimer very bunt überquellen, so, wie sie im Görli oder im O-Park, am Kotti oder vor der
Amerika-Gedenk-Bibliothek eben überquellen an den ersten heissen Tagen, ebenso wie auf der
Parkbank manchmal auch keine Kopftuchmädchen sitzen, weil da schon ein Obdachloser liegt und
seinen Morgenrausch ausschläft, abgesehen davon also ist stets schon klar, dass die Bilder überhaupt
nichts mit Realismus zu tun haben, sondern die Realitätserfahrung, die ihnen zu Grunde liegt,
eine soziologisch-symbolistische ist.

Realismus wäre, wenn dir die Dealer im Stadtpark beim Pleinair-Malen über die Schulter schauen
und kritische Kommentare über die Hautfarbe des portraitierten Obdachlosen geben. Und das geht
im Prinzip nur in der Form des Journals, in dem der Basslauf des täglich Rausgehens und täglich
wieder Malens zur Time-Maschine wird. Man blättert sich in den Bildern nicht nur durch die
Hauseingänge der Adalbertstraße (Atelierstandort), Wege und Plätze Berliner Parks, durch das
Kunstzeitschriftenregal beim König oder den vitra-Katalog 2006, sondern in Wirklichkeit blättert
man sich durch das riesige Backup früherer Bewusstseinszustände hindurch.

Weil in der Serie Wirklichkeit nie etwas fertig ist, weil alles Notierte sofort wieder eingespeist,
kommentiert, diskutiert, revidiert oder aktualisiert werden muss, sind die beim Malen emittierten
Datenmengen vergleichbar mit der einer Digitalkamera von 70 Megapixeln, die pro Sekunde
40 Millionen Bilder schießt. Und nur aus diesem einzigen Grund, weil Alice mit ihrem
4 MB-Anschluss das nicht packt, muss man morgen wieder ins Atelier gehen, die drei
Kopftuchmädchen wieder auf die Parkbank setzen, ihnen die Köpfe durch picabia-farbene, auf der
Spitze stehende Tetraeder ersetzen und den ganzen burst im 300-Millisekunden-später-Modus
nochmal analog mit Pinsel aufmalen, anstatt das einfach bequem via Tumblr oder Cargo zu
rebloggen. Auf dem nächsten Bild, das dann noch nicht in der Galerie hängt, haben auf einmal alle
Menschen diese quadratischen oder dreieckigen Köpfe und auf der Litfasssäule ist der Schriftzug
„Moderne Zeiten“ zu lesen mit so einer Laurie-Anderson-Vocoder-Stimme aus den 80ern.

 

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